„An image of passion, not passion itself” *

Leere Formen stehen im Zentrum der Bilder von Gabriele Schöne. Diese blinden Flecken, in denen die weißgrundierte Leinwand aus farbiger Malerei und gemusterten Stoff-Applikationen hervorsticht, sind jedes Mal die Dreh- und Angelpunkte einer aus verschiedenen Bildebenen gefügten Ganzheit. Zudem halten die, auch in ihren Konturen als klare Formen – von der Frucht, dem springenden Mädchen, den tanzenden Paaren zur Mutter mit Kind und größeren Figurengruppen – erkennbaren Leerstellen eine ambivalente Balance zwischen Präsenz und Abwesenheit, sie scheinen erst als Unsichtbare ihre Wirkung zu entfalten. Die Form erwächst aus den Verbindungen, die sie umgeben, ihre Verknüpfung bildet eine blanke Mitte.
Die von Gabriele Schöne so oft gemalten Früchte spiegeln ihre Formen in sich selbst, ihre Rundungen wie geschwungene Lippen einander zugewandt. In dieser zugeneigten Doppelung scheint als erstes Register das Imaginäre auf, als ein Raum der Selbst-Affektion. Im Spiegel, in der Metapher für den Blick der Anderen liegt eine Verkennung, die dennoch das Subjekt konstituiert und ein mögliches Objekt hervorbringt. Indem die Früchte aus den Bildern verschwinden, bringen sie als konturierte Leerstellen die Spiegelmetapher zum Vorschein.
„Das Imaginäre oder die Idylle“
Die Künstlerin entwickelte um diese leere Mitte drei einander bedingende Themenkreise. Da gibt es zum einen die Tänzerin, die tanzenden Paare in Tracht, die sich auch im Schattenriss des Negativbildes unschwer erkennen lassen. Diese Drehungen zu zweit liegen im Bildatlas des Gedächtnisses. Die Vorlagen stammen sogar aus der Boulevard-Presse, hinter der ironischen Geste, der kritischen Distanznahme zu einer medialen Welt der falschen Heimat-Bilder liegt in der künstlerischen Anverwandlung jedoch auch eine Reminiszenz an die eigene Geschichte. Heimat war für Gabriele Schöne immer anderswo - die zur Idylle eingefrorenen Sommer auf dem Lande im Haus der Großmutter, Sehnsuchts-Ort des Vaters in der (ehemaligen) DDR.
Mit dem Tanz in Tracht kommen die Stoffe. Vielfältig und klassisch gemustert werden sie zur formenden Umgebung, zum Hintergrund der Figuren. Dass die Stoffe zum Teil getragen sind, bezeugt anscheinend eine weitere Realitätsebene, die ein reales Sein im Illusorischen des Bildes evoziert. Das Reale, welches J.Lacan in der Trias Imaginäres- Symbolisches- Reales als Bedingung des Subjekts benennt, bleibt hingegen unmöglich und unsagbar.
Einzeln stehende Figuren, in sich zweigeteilt, auf der einen Seite malerisch farbig ausgeführt, auf der anderen Seite leer und weiß, nehmen das Thema der Spaltung des Subjekts erneut auf. Die farbige, sichtbare Seite entspricht der öffentlichen Existenz, im Symbolischen der Sprache verankert, gesellschaftlich determiniert. Die nicht sichtbare Seite, der leere Schatten leuchtet jedoch weithin, wie das Insistieren des Unbewussten.
Anders geht Gabriele Schöne vor, um die neuen, großformatigen Bild -Gestaltungen zu finden. Hier scheint die „flache Tiefe“, eine fundamentale Eigenschaft der abstrakten Malerei der Moderne die Spiegelfunktion des Imaginären zu übernehmen. Die verschiedenen, heterogenen Bildebenen von Hintergrund und Motiv, einer Umgebung, die das Motiv erst hervorbringt, gleichsam ausfällt, treten in ambivalente Spannung. Wieder bleibt das eigentliche Bild-Sujet ausgespart. Da es sich für die größeren Formate um ganze Figurengruppen handelt, sind innerhalb der weißen flächen Konturen angedeutet und es werden hier Stoffe, vereinzelt wie eine pointierte Aussage, in das Sujet appliziert. Ein Hosenbein, eine Schürze… Gabriele Schöne hat ihrer Neigung, ihrer Anziehung zur Kunst von F.Goya Gestalt verliehen, hat sich inspirieren lassen von Künstlern aus dem 18. und 19.Jh., wie J. Reynolds und F. Waldmüller, desgleichen von einer mittelalterlichen Madonna. Diese Bilder wurden ausgewählt ob ihres Motivs: idealisierende Mutter/Kind Darstellungen liegen nun der Aussparung, dem leeren Spiegel zu Grunde.
Wieder ist es das Bild der Frau, das so kritisch hinterfragt wird. Die Arbeiten umkreisen das Weibliche, das einzig als MĂĽtterliches denkbar, definierbar ist, doch in diese Bilder sind auch Fragen jenseits der Kritik eingeschrieben.
Die Bildvorlagen von F. Goya hingegen waren ursprünglich als Entwürfe für Tapisserien gestaltet worden. Sanfte Szenen voller Anmut und Lebensfreude. Dass es sich hierbei um Tapisserien, also geknüpfte Bildwerke handelt, scheint ein besonderes Licht auf die Kunst von Gabriele Schöne zu werfen. Es ist die Metapher des verknoteten Subjekts, des Individuums als singulärer Knoten vieler Fäden über einer leeren Mitte, und doch verbunden mit dem ganzen Gewebe.

*Marlene Dumas zitiert Roland Barthes : „ What people want is an image of passion, not passion itself“

Daniela Hölzl

„Malerei als Zeitlupe, zu neuen Bildwerken von Gabriele Schöne“ 2006

Über viele Jahre hinweg sind Früchte „die Hauptdarsteller, Symbolträger und ästhetischen Stilelemente“ wie die Künstlerin es selbst formuliert. Sie sind jedoch nicht nur Metaphern für Sexuelles und Erotisches, gewissermaßen Figurationen zwischenmenschlicher Rollenspiele, Verführungen, Verstrickungen, von Begehren und Verlangen, sondern werden zu formalen, ornamentischen Exerzitien..... In den neuen Arbeiten beginnt sich eine beachtliche Veränderung zu vollziehen. Zwar bleibt der Gegenstand der Malerei nach wie vor das Fruktifikale, aber deren Wahrnehmung und Betrachtung verschieben sich zunehmend und radikal von „Inhaltlichen“ (Fruchtkern) zum Formalen, Ornamentischen. Es ist die künstlerische Strategie der Inversion, die den „Inhalt“ der Früchte zu eliminieren beginnt und zu einer gestalterischen Konzentration auf die quasi leere Fruchtform führt. In diesem Prozess vollzieht sich auch eine grundlegende Veränderung des Verhältnisses von Gegenstand und „Hintergrund“. Nicht mehr das monochrome Moment ist bildgebend, sondern dessen zunehmende Ornamentisierung.... Die Aussparung des Fruchtinhaltes, also des Fruchtfleisches führt zu einer „Silhouettisierung“ des Gegenstandes, die ein neues Spannungsfeld von gegenständlich und abstrakt evoziert. Fast von selbst scheinen sich die nun im Bildfeld schwebenden Fruchtformen in Bewegung zu setzen und beginnen sich als neues Moment in den jüngsten Arbeiten in tanzende Silhouettekörper zu verwandeln. Nicht nur wird erstmals die menschliche Figur selbst bildwürdig, auch das Statische wird dadurch zu einer Bewegungsdynamik, die es erlaubt, von neuen Werken sprechen zu können. Im Dynamischen der Silhouettefiguren dynamisiert sich auch der Bildhintergrund. Er ist nicht nur Träger der tanzenden Figuren, sondern vermählt sich zunehmend mit diesen, Vordergrund (Figur) und Hintergrund (Bildraum) verwinden sich in vielfältiger Weise ineinander.
Es ist gewiss kein Zufall, vielmehr eine Entwicklungslogik in der Malerei von Schöne, dass das Filmische zunehmend konstitutiv für ihre Arbeiten geworden ist und in der Form einer installativen Videoarbeit realisiert wird, wie „mit dem Essen spielt man nicht“ 2003 und „zum Nachtisch Obstsalat“ 2005....
Es ist also nicht überraschend, dass die dokumentarisch verfahrende und sequenziell konzipierte Videoarbeit im grundsätzlichen Bildverständnis viele Momente der Malerei impliziert. Wir erkennen dies in der Art und Weise des Videoblicks, im Handling der Farben, im Atmosphärischen der Komposition. Leger und poetisch, erzählerisch und lyrisch wird „langsam und bedächtig, ohne Zweifel nicht aus didaktischen Gründen, sondern weil sie Strecken, die sie zurücklegt, sorgsam erarbeitet“, wie Manfred Wagner zutreffend schreibt, ein Werk entfaltet, das uns erkennbar macht, dass Bilder mehr als eine alltägliche Flut sind und im künstlerischen Werk zu aufregenden Weltbildern gerinnen können.

Carl Aigner

"Painting In Slow Motion", 2006

Over the course of many years fruit has been "the protagonist, the carrier of symbolism and aesthetic stylistic element," as the artist put it herself. It is, however, not merely a methaphor for the sexual or erotic – as it were figurations for human role playing, seductions, entanglements of desire and lust – but has also become a formal, ornamental drill. ..... A significant change comes about in the newer works. Although the fruitlike remains the object in the painting, ist perception and observation are shifted progressively and radically from the "contentual" (the fruit kernel) to the formal, ornamental. This represents the artist strategy of inversion, which begins to eliminate the "content" of the fruit and leads to a creative concentration on the semi-empty fruit form. A fundamental change in the relationship between object and background is carried out in the process. No longer ist he monochrome moment decisive to the picture, but its increasingly ornamental elaboration..... The exclusion of the content of the fruit, or the fruit flesh,leads to a stressing of silhouette of the object that evokes a new field of tension between the representational and the abstract. Almost by themselves the fruit forms hovering in the field of vision appear to start to move and begin, as a new moment in the current works, to turn into dancing silhoette bodies. Not only does the human figure itself become worthly of painting for the first time, but also the static becomes dynamic in a way that allows one to speak of new works. In the dynamics of the silhouette figures the pictorial background also becomes dynamic..... It is certainly no accident, but rather the developmental logic in Schöne´s painting, that the filmic has become increasingly constitutive for her works and was realized in the form of an installation video work. Such work titles as "mit dem Essen spielt man nicht" ("Don´t Play With Your Food", 2003) and " zum Nachtisch Obstsalat...." ("Friut Salad for Desert")....
It is also not surprising that the documentary- like and sequentially conceived video works in ist findamental pictural understanding implies many moments of painting...

Carl Aigner

„Lost nature“, 2009

Die Arbeiten zu „Lost nature“ beschäftigen sich mit „Natursehnsüchten – der Wald als Heiliger Hain“
Auf Wiesen und Waldstücken trifft man auf Tiere, wie Schweine, Ziegen, Hühner, Rehe, Kühe...., im Umriss erkennbar. Vorgetäuschte Scheinwelten, eine Naturidylle, die gewünscht wird.
Wissenschaftlichen Umfragen zufolge fehlt im spontanen jugendlichen Naturbild jeder Hinweis auf Nutzpflanzen und Nutztiere ebenso auf natur gebundene Produktionsanlagen, Produzenten und Produkte. Natur ist etwas UnberĂĽhrtes, in der, der Mensch nichts zu suchen hat.
Dabei scheint es fast so, als stünde das Bäumchen oder Bambi für die ganze Natur, die gehätschelt und gepäppelt werden muss, um überleben zu können.
Die Verniedlichung der Natur zu einem imaginären Schmusetier, dass alle unsere Pflegeinstinkte mobilisiert, geht sogar so weit, dass sich ein mehr oder weniger großer Teil der Jugendlichen aus Angst vor zerstörerischen Wirkungen kaum mehr traut, der Natur allzu nahe zu kommen.
Der Mensch fühlt sich außerhalb stehend zum natürlichen Kontext. Er sieht der Natur zu und ist dennoch mit der gesamten körperlichen Existenz auf die Nutzung natürlicher Ressourcen angewiesen.

Gabriele Schöne

„Lost nature“, 2009

The "Lost Nature" works deal with "yearning for nature – the forest as a sacred grove". Animals such a pigs, goats, chickens, deer, cattle… are recognizable in profile in meadows and woods. Feigned illusory worlds, natural idylls are in demand. Nature is seen as something unsullied, in which mankind has no place. At the same time, it seems almost as if Badger and Bambi stood for the whole of nature, which has to be nurtured and cosseted in order to survive. The sentimental reduction of nature to a sort of imaginary cuddly toy that awakens all our protective instincts even goes so far that a large number of our young people hardly dare to get too close to nature for fear of contaminating it in some way. Mankind often sees itself as standing outside the context of nature. It observes nature and yet it is dependent on nature for the utilization of natural resources to ensure its entire physical existence.

Gabriele Schöne

„Fruits“, 1998

Es geht Gabriele Schöne niemals um die glatte Pop-Welt des Gebrauchs, auch nicht um deren kritische Dimension, sondern eher um das Zusammentreffen von ökologischer und technologischer Welt, aufgehoben in den Polen von Konkretisierung und Abstraktion und merkwürdigerweise nicht nur als Gegensätze verständlich. Hier wird der Blick einer Generation sichtbar, für die beides – Natur und technische Welt – selbstverständlich ist und fast austauschbar wird, durch die Technologie der Konstruktion Naturnähe schimmert und die Natur an raffinierte Konstruktionsmodelle erinnert....

Manfred Wagner

"Fruits", 1998

Gabriele Schöne is never concerned with the slick world of pop art, nor with ist critical dimension. Instead she is interested in the point where the ecological world and the technological world meet between the poles of concretion and abstraction which are, strangely enough, never only to be understood as opposites. Here the view of a generation becomes visible, for whom both – nature and the technical world – is something natural and something almost interchangeable.....

Manfred Wagner